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Das 19. Jahrhundert

Die reiche Heringsfischerei endete 1808. Die Bevölkerung in den Schären war durch das Verschwinden des Herings besonders hart betroffen. Per König, der zwischen 1808 und 1812 auf Orust wohnte, beschreibt 1811 den harten Alltag der Fischer so:

"Die allgemeine Situation der Fischer wird immer schlimmer... Außer höchstens einer Hütte, einer Kuh und ihren Fischereigeräten, ist das Meer der einzige Acker, den sie ständig pflügen müssen, um sich und den ihren mit Schweiß und unter Lebensgefahr den Lebensunterhalt zu verdienen."

Als die Heringsfischerei ganz aufhörte, veränderte sich die Schärenlandschaft. Während früher das Leben pulsierte, waren nun die Ortschaften entvölkert und die Trankochereien und die Heringssalzereien wurden niedergerissen. Einige Fischerorte verschwanden ganz. Wir lassen Per König seine Beschreibung fortsetzen:

"Früher waren kurz gesagt alle Klippen und Landzungen mit wohlgebauten Häusern geschmückt. Diese verschwinden so allmählich, eines nach dem anderen; teils verfallen sie, teils werden sie verkauft, man zieht fort und die nackten Klippen präsentieren sich in all ihrer Schrecklichkeit."

Während der Heringsperiode ging die Zahl der Fischkutter zurück. Der Bedarf an neuen Schiffen, die sich für die Tiefseefischerei eigneten, war groß. Ein Lichtblick in diesen schweren Zeiten war die zunehmende Frachtschiffahrt. Dies setzte voraus, daß viele neue Boote gebaut werden mußten, was seinerseits das Bootsbaugewerbe auf Orust förderte. Nachdem die Schiffahrtsbeschränkungen gelockert wurden, begann man Hafer nach England zu exportieren. Die Haferhäfen lagen verstreut über die ganze Küste. Auch von Orust wurden große Mengen Hafer verschifft.

Eiswinter und Mißernten trafen die Bevölkerung draußen in den Schären besonders. Im Jahr 1830 schrieb der Probst Beckman in Morlanda:

"Das Elend in diesen Schären ist nun größer denn je während meiner langen Dienstzeit, also nunmehr während 35 Dienstjahren hierselbst, und mit Erschrecken sehe ich der Hungersnot mit ihren schrecklichen Folgen entgegen. Die zahlreiche Masse der Fischer, die hier drei Fünftel der Bevölkerung ausmacht, ist von ihrem einzigen Erwerbszweig abgeschnitten, denn das Meer ist mit Eis bedeckt, soweit das Auge reicht, und nicht einmal von den höchsten Klippen kann man das offene Wasser entdecken. Den ganzen Tag sieht man Scharen von Bettlern aus den eingefrorenen Fischerorten herausströmen, um bettelnd das angrenzende Land zu überschwemmen.""

Aufschwung für die Landwirtschaft

Auch viele Bauern hatten sich während des 18. Jahrhunderts an der einträglichen Heringsfischerei beteiligt. Der Landeshauptmann Hellberg schrieb 1824:

"daß der Boden hier dem Ödland so nah war und Nahrung hervorbrachte, die bei weitem den Bedarf nicht deckte."

Das Getreide mußte in den Städten zugekauft werden, was wiederum den Verdienst aus der Heringsfischerei schmälerte. Als der Hering ausblieb, begann eine Expansionszeit der Landwirtschaft. Man legte neue Äcker an und richtete sich auf den Anbau von Getreide ein. Als die Schären-Vereinigung im Jahre 1810 aufgelöst wurde, nahm man den Heringsabfall einfach aus den Absetzbecken und verteilte ihn als Dünger auf den Äckern.

" woraus sich also die Veränderung ergab, daß derselbe Ort, der noch vor kurzer Zeit fast die Hälfte seines Getreidebedarfs zuerwerben mußte, nun ein bedeutendes Quantum zu verkaufen hat."

J. F. Hellberg 1824

Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden einige wichtige Veränderungen in der Landwirtschaft durchgeführt. So wurde die Kartoffel und der stahlbeschlagene Pflug eingeführt. Gleichzeitig wurden Bodenreformen (Flurbereinigungen) durchgeführt, die die schwedische Kulturlandschaft gänzlich veränderten. Diese gesetzliche Reform war der Grund dafür, daß die Ortschaften zerfielen, aber auch, daß die Produktion von Getreide zunahm. Es dauerte einige Jahre, bis die Reform in Gang kam. In der Gemeinde Morlanda zum Beispiel wurden 57 % der Dörfer während der Jahre 1836-1855 neu aufgeteilt.

Cholera

Orust wurde während des 19. Jahrhunderts von mehreren Cholera-Epedemien heimgesucht. Aufgrund der Furcht vor der Ansteckung wurden die, die an der Cholera starben, nicht auf dem normalen Friedhof, sondern auf besonderen Cholerafriedhöfen begraben. Solche Friedhöfe gibt es an mehreren Stellen auf Orust. Einige von ihnen sind mit Gedenksteinen versehen.

Choleragrab im Außenbereich von Krabberöd in der Gemeinde Stala. Das Grab liegt nahe an der Straße zwischen der Kirche von Stala und Myrebacken. Man fürchtete die Ansteckung mit Cholera so sehr, daß die Toten nicht auf dem Friedhof begraben werden durften. Foto: Åsa Svensson, Orusts Fotoklubb, 1994
Trotz der Not in den Küstenorten, stieg Orusts Bevölkerung an. Dieser Zuwachs war die Ursache für die Entstehung vieler neuer Katen in den Außenbereichen.

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts herrschte in vielen Gebieten Schwedens schwere Zeiten, mit Mißernten und Hunger, was dazu führte, daß eine Million Schweden nach Amerika emigrierten. Auf Orust war die Auswanderung jedoch nie so hoch, wie in anderen Gebieten; vielleicht weil der Hering zurückkam und neue Einkünfte schuf.

Der Wald wurde weiterhin stark ausgebeutet. Man hatte sogar begonnen Torf, wie auch Heidekraut, Reisig, Wrackbretter und anderes als Brennmaterial zu verwenden. Die Gegenreaktion auf diesen Waldfrevel erfolgte dann zum Ende des Jahrhunderts und man begann den Wald wieder aufzuforsten. Durch diese Aufforstung hat sich die Landschaft aufs Neue verändert. Dort, wo noch vor hundert Jahren nur Heidekraut und Wachholderbüsche wuchsen, steht nun dichter Fichtenwald. Reste des Laubwaldes, der einst auf Orust dominierte, gibt es nur noch an bestimmten Plätzen. Heute sind diese Bestände aus Eichen und Buchen häufig durch das Naturschutzgesetz geschützt; zum Beispiel in den Naturreservaten um das „Kollungeröd Vatten" und auf „Valön".

Aus Mangel an Brennholz mußte man Äste als Brennmaterial sammeln. Auf dem Bild sehen wir Hilda, später verheiratete Hermansson, von Valön und Anders Samuelsson in Kvarnhagen bei Lalleröd. Valön, das ganz kahl ist, ist im Hintergrund zu sehen. Foto: Nils Samuelsson, um 1903, Erik Asklands Sammlung

Die Kirche ist zu klein

Die „Schartaun'sche Erweckung" hat Orust während des 19. Jahrhunderts auf verschiedene Weise geprägt. Mehrere von Henrik Schartau's Nachfolger waren einige Zeit als Pfarrer auf Orust tätig. Der westschwedische Frömmigkeitstyp, wie die Erweckung auch genannt wurde, wird unter anderem durch regelmäßigen Gottesdienstbesuch und Sonntagsfeiertag gekennzeichnet. Der große Bevölkerungszuwachs und die fest verankerten Gottesdienstbesuche führten dazu, daß die Kirchen zu klein wurden. Alle mittelalterlichen Kirchen auf Orust, mit Ausnahme von Morlanda, wurden während des 19. Jahrhunderts durch Neubauten ersetzt. Auch die Kirche in Morlanda wäre abgerissen worden, wenn sie nicht eine Patronatskirche gewesen wäre. Ein langanhaltender Streit, wer die Kosten für das neue Gebäude tragen sollte, die Gemeinde oder der Gutsbesitzer, waren dafür verantwortlich, daß die Kirche heute noch steht.

Wo der westschwedische Frömmigkeitstyp stark verwurzelt war, hatte auch der Pfarrer eine starke Stellung. Man lehnte alle geistlichen Zusammenkünfte außerhalb des gesetzlichen Kirchenlebens ab. Auf Orust hat es deshalb sehr wenig freikirchliche Aktivitäten gegeben.

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